Sie sind hier: Buch
Zurück zu: Rezensionen
Allgemein: Download Impressum Links Kontakt Sitemap

Suchen nach:

Der erste Sohn

von Philipp Meyer

Ein kolossaler Generationenroman über die Erschließung des Wilden Westens.

„Dieses Land war grausam zu seinen Söhnen, und noch grausamer zu den Menschen, die von anderswo herkamen.“ Einer dieser Söhne ist Eli McCullough. Geboren 1836 als erster Sohn der unabhängigen Republik Texas. Philipp Meyer erzählt den amerikanischen Traum der Familie McCullough von den ersten Pionieren bis zu den Erdölbaronen. Im Fokus dieses generationenübergreifenden Romans stehen Eli, dessen Sohn Peter und Peters Enkeltochter Jeanne Anne. Aus ihrer jeweiligen Perspektive erleben wir die Erschließung des Wilden Westens mit. Ein Wilder Westen, der wenig mit den verklärten Kindheitserinnerungen an Karl Mays Winnetou und Old Shatterhand zu tun hat.

Nach der Unabhängigkeit Mexikos beginnt der große Aufbruch Richtung Westen. Zwischen den Rocky Mountains und dem Rio Grande erstreckt sich ein unendliches Land voller saftigem Gras, Bisons und Pferden. Für Viehzüchter und Farmer optimale Landstriche, auf denen bereits Indianer siedeln, die durch den Zustrom der Einwanderer von ihrem Boden Richtung Westen verdrängt werden. Als die Regierung Geld benötigt, forciert sie die Ansiedlung betuchter Siedler. Diese zweite Immigrationswelle beraubt die ersten Kolonisten wie die McCulloughs um ihr Land und vertreibt sie Richtung Westen. Jetzt siedelt die Familie McCullough wieder im gefährlichen Indianerland. Bei einem nächtlichen Überfall durch die Comanchen kommen Elis Mutter und seine Schwester auf bestialische Art ums Leben. Er und sein Bruder werden verschleppt und treten die Reise ins Comanchenland an. Eine Reise, auf der Elis Bruder verstirbt. Eli, der nun Tiehteti heißt, wird allmählich einer von ihnen. Bei den Indianern lernt er, was Freiheit bedeutet, denn sie leben im Einklang mit der Natur. In dem Comanchendorf kennen sie jede Pflanze. Die bei der Jagd erlegten Bisons werden vollständig verwertet. Aus Knochen werden Nadeln, aus Sehnen Bogensehnen, aus dem Herzbeutel ein Wasserträger. Er geht mit ihnen auf die Jagd und auf Beutezug, er wohnt Folterungen bei, die Feste gleichen, er skalpiert die Opfer.

Es ist ein gegenseitiges Töten und die Zeit der Skalptrophäen. Trophäen anderer Indianerstämme und Weißer, die einem Krieger Respekt verschaffen, Trophäen der Indianer, für die die weißen Siedler von ihrer Regierung Geld bekommen. Zusätzlich wird das Töten durch eingeschleppte Krankheiten der Weißen verstärkt. Krankheiten wie die Pocken und Cholera, die zur Dezimierung ganzer Indianerstämme führen. Das Jagdgebiet wird für die Indianer immer begrenzter. Die großen Bisonherden gehören der Vergangenheit an. Ein Hunger- und Kältewinter zwingt die Comanchen Eli an die Siedler zu verkaufen.

In seiner alten Welt kann er sich schlecht wieder einfinden. Er reitet mit den verwegenen Ranchern, wo er der vermissten indianischen Freiheit ein Stück näher kommt. Er kämpft während des Sezessionskrieges auf Seiten der Konföderierten, bejaht die Sklaverei als etwas Naturgegebenes. Es ist die Zeit, in der der Rassismus gegen Mexikaner und Farbige um sich greift. Eine Zeit, in der die Leute das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Befreite Sklaven hängen nun am Baum.

Auch Eli greift zur Selbstjustiz. Als nunmehr stolzer Ranchbesitzer jagt er Viehdiebe und tötet Leute, die sein Land betreten. Ein nicht bewiesener Pferdediebstahl wird als Alibi für ein blutiges Massaker an der alteingesessenen mexikanischen Nachbarsfamilie genutzt, bei dem nur Maria überlebt. Skrupellos eignet sich Eli den Besitz der Getöteten an.

Sein labiler Sohn Peter hat vergeblich versucht, dieses Abschlachten zu verhindern. Im Gegensatz zu seinem Vater und zu seinen eigenen beiden Söhnen fehlt ihm deren Kaltblütigkeit. Zwei Söhne, von denen einer ein freigesprochener Mörder ist. Zwei Söhne, die sich freiwillig 1917 zum Militär melden.
Peter verliebt sich in die einzige Überlebende des Massakers. Eine Liebe, die Eli nicht duldet. Peter schafft es nicht, sich Respekt zu verschaffen. Nicht gegenüber seiner eigenen Familie, nicht gegenüber den mexikanischen Cowboys, die lieber dem strengen und rücksichtslosen Patron Eli huldigen.
Statt Vieh auf den Weiden buddeln sie allmählich brodelnde schwarze Dollar aus der Erde.

Schwarze Dollar, auf denen Peters Enkelin Jeanne Anne ein Vermögen aufbaut. Jeanne Anne tritt in die Fußstapfen von Eli, ist tough und hält mit den Männern mit. Als zwei ihrer Brüder im Zweiten Weltkrieg fallen und der Vater verstirbt, ist sie fast Alleinerbin. Doch die texanische Ölmännerwelt bietet keinen Raum für Frauen. Jeanne Anne erkämpft sich mit den Jahren ihren Platz. Zwei Männer verliert sie in der Zeit. Während sie Millionen scheffelt, verkümmert das Verhältnis zu ihren Kindern. Im hohen Alter von 86 Jahren taucht plötzlich ihr bisher unbekannter mexikanischer Urenkel auf. Ein tödlicher Kontakt für sie, der einen Flächenbrand zurücklässt.

Der erste Sohn. Zweifellos ein kolossaler Generationenroman über die Erschließung des Wilden Westens. Philipp Meyer erzählt keine sentimentale Winnetougeschichte. Der Mythos des Wilden Westens und des im Sonnenuntergang träumenden Cowboys wird entkleidet. Meyers Figuren müssen knochenhart sein, denn das neue Land ist gnadenlos zu ihnen. Es geht hier nicht um eine friedliche Landgewinnung. Hier geht es um blutigen Landraub. Landraub von einer Generation zu einer anderen. Ein Landraub, der von der Politik gesteuert wird. Der die Siedler in arge Bedrängnis bringt und mitunter ihr Leben kostet. Ein Landraub, der die Indianer fast ausrottet und der alteingesessene mexikanische Familien vertreibt. Die Familie McCullough bewegt sich mit den politischen Wellen mit. Sie leben in Mexiko, sie leben in der unabhängigen Republik Texas, sie leben im Bundesstaat der USA. Wellen des Kampfes gegen die Indianer, der Selbstjustiz, der Befürwortung der Sklaverei, des Rassismus und der Entwicklung hin zu Ölbaronen in Houston wechseln sich ab. Über all dem thront der gnadenlose Patron Eli, dessen Härte den Weg für das Vermögen der Familie geebnet hat.

Philipp Meyer, Der erste Sohn, Roman, Originaltitel: The Son, Originalverlag: Simon & Schuster, Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 608 Seiten, 2014 beim Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, ISBN: 978-3-8135-0479-8, € 24,99 [D] | € 25,70 [A] | CHF 35,50 * (* empf. VK-Preis)

© Soraya Levin

Gehe zu: Und im Wienerwald stehen noch immer die Bäume Alles was war