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Cherryman jagt Mr. White

Jakob Arjouni

Ein unterhaltender Volltreffer über das Anfüttern der Neonazis beim Angeln von Jugendlichen

Seite 1
Storlitz, ein kleines Kaff in Brandenburg. Der 18-jährige Hobbycomiczeichner Rick wird zur Zielscheibe von vier zur rechtsextremen Szene gehörenden Typen. Stumpfsinnig schlagen sie mit Alkohol und Abziehen von Geld ihre Zeit tot. Sie prügeln gern auf ihre Beute ein, zeigen kein Mitgefühl. Mehrfach haben sie Rick in der Öffentlichkeit zusammengehauen. Haben seine Katze vor seinen Augen brutal ermordet. Jetzt bedrohen sie sogar seine 87-jährige Tante, bei der er seit dem Tod seiner Eltern lebt. Rick ist durch diese Aggressivität total verängstigt und eingeschüchtert. Wo er kann, versucht er der Bande aus dem Weg zu gehen. Doch das ist nicht ganz einfach in Storlitz. Sie passen ihn wieder und wieder ab. An einem Tag lauern sie ihm vor dem Lidl auf. Rick ist verblüfft. An diesem Tag schwenken die Vier um, tun so, als sei er ihr Kumpel. Mario bietet ihm einen Ausbildungsplatz bei einer Gärtnerei in Berlin an. Für Rick völlig unglaubhaft. Er kann sein Glück kaum fassen. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit einen Ausbildungsplatz, dazu noch als Gärtner und in der Großstadt Berlin. Am Folgetag treffen sie einen Mittelsmann namens Pascal. Wie die anderen Vier ist er im Heimatschutz aktiv. Er appelliert an Ricks Verantwortungsbewusstsein, spricht vom Schutz der deutschen Kultur, von Ausgrenzung, von jüdischen Schmarotzern, um die man sich als Deutscher mit Gerechtigkeitssinn kümmern muss. Ricks Ausbildung beinhaltet daher eine Zusatzaufgabe. Als Spitzel hat er den jüdischen Kindergarten zu beobachten und umfassende Berichte darüber abzugeben. Nach einem Jahr ohne Job, will sich Rick seine Chance nicht entgehen lassen. Später erkennt er, dass es ein Wahnsinn gewesen ist, auf den er sich eingelassen hat. Für eine gewisse Zeit vergisst Rick seinen Auftrag. Berlin und die Ausbildung machen ihm Spaß. Als er sich noch verliebt, ist sein Glück perfekt.
Doch schon bald fordert der Heimatschutz Ricks Teil der Abmachung ein. Selbst der bieder und immer freundlich wirkende Chef von Rick ist Teil der rechten Kameradschaft und macht jetzt richtig Druck. Rick gibt nach. Im angrenzenden Park zum jüdischen Kindergarten beginnt er mit seiner täglichen Arbeit. Als Gärtner ganz unauffällig, immer schön dicht am Zaun, um möglichst viel vom Geschehen mit zu bekommen. Der zweijährige Ninu aus dem Kindergarten wird sein Zaungast. Zwischen den Beiden entwickelt sich eine Freundschaft und an manchen Tagen fühlt Rick in dem Ninu so etwas wie einen Sohn. Seine Berichte an den Heimatschutz verfälscht er. Er versucht damit die mangelnde Sicherheit des Kindergartens zu überdecken. Der Heimatschutz wird jetzt drängender. Sie versuchen Rick für ein verschleiertes Bombenattentat auf den jüdischen Kindergarten zu instrumentalisieren. Sie drohen ihm mit

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Vergeltung gegen seine Freundin und seine Tante falls er sich weigern sollte. Rick zeichnet sich seinen Frust und den drohenden Aufruhr in ihm mit einem gewalttätigen Comic von der Seele. Cherryman, sein Superman, kann sich in einen Kirschbaum verwandeln, kann Gift spritzen und Leuten wie dem Mittelsmann Pascal endgültig das Maul stopfen. Rick geht in seiner Hilflosigkeit zur Tarnung auf den Auftrag ein. Im letzten Moment verhindert er die nahende Katastrophe. Aus Angst vor der Rache des Heimatschutzes, lässt er den Cherryman lebendig werden.

Die Geschichte von Rick ist eine realistisch und unterhaltend erzählte Milieustudie über einen, ja auch etwas naiven Jungen im Osten Deutschlands, der aus dem arbeitslosen öden Alltag von Storlitz ausbrechen möchte und sich nach einem ganz normalen Leben mit einem Job und einem Mädchen sehnt. Ein Junge, für den die braune Szene zunächst ein Glücksbringer ist. Deren Lockangebot sich aber bald in enthemmter Gewalt zeigt. Mit antijüdischen Stereotypen und Appellen an die deutsche Gemeinschaft versuchen sie ihn für ihren Terror zu instrumentalisieren. Bei Rick schnappt der Köder nicht zu. Er wird nicht zum rechtsextremen Mittäter. Seine Vorbilder sind die positiven Helden wie Superman aus seinen Comics. Nicht irgendwelche Beratungsstellen von Opfern rechter Gewalt, sondern allein solch ein Superheld ist in der Lage sich aus diesem braunen Sumpf und von diesem zu befreien.
Moralisch kann man diesen zur Realität gewordenen Superhelden sicherlich hinterfragen, ihm höchstwahrscheinlich psychische Störungen unterstellen. Doch gerade dieses macht der Autor nicht. Denn Rick rechtfertigt seinen blutigen Feldzug keineswegs mit irgendwelchen Entwicklungsstörungen in seiner Kindheit. Vielmehr taucht die indirekte Frage auf: Kann ich im Lichte der braunen Gefahr gut bleiben? Der geführte Briefwechsel zwischen dem Ich-Erzähler Rick und seinem Psychologen macht diese Frage sehr deutlich und weist darauf hin, dass die braune Bedrohung und Gewalt unverhüllt unter den Augen von Politik und Gesellschaft ihre Netze spannt und das ganz besonders in solchen Kaffs wie Storlitz. Dieses Buch sollte daher auch nicht das Ende zum Anfang einer moralischen Debatte machen. Es ist vielmehr ein Volltreffer, der eine längst überfällige Diskussion anheizen sollte. Und zwar mit welchen Mitteln wir unsere Jugend und unsere Demokratie vor der schleichend braunen Bedrohung und exzessiven Gewalt zu gedenken schützen.

Jakob Arjouni, Cherryman jagt Mr. White, Roman, Hardcover Leinen, 176 Seiten, 2011 Zürich, Diogenes Verlag AG, ISBN 978-3-257-06755-2, € (D) 19.90 / sFr 33.90* / €(A) 20.50, (* unverb. Preisempfehlung)

© Soraya Levin

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